Folgen übermäßigen Alkoholkonsums bei jungen Menschen

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Folgen übermäßigen Alkoholkonsums bei jungen Menschen

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Leider wird in den meisten Dokus über Mallorca nur über den Ballermann gesprochen. Auch im letzten Film „Verdammt verliebt auf Mallorca“ hebt man die Partymeile in ein sozial verträgliches Niveau. Sinngemäß wird behauptet: „Hierher kommen überwiegend Jugendliche, die eine Auszeit vom stressigen Leben in Deutschland brauchen und sich mal richtig ausleben wollen.“
Ich möchte hier nicht über die ethisch zweifelhaften Aussagen sprechen, nein, mir geht es in diesem Artikel über die medizinischen Folgen für junge Menschen, die über Tage nie nüchtern ins Bett kommen.

Akute Risiken des Alkoholkonsums ergeben sich vor allem aus der Beeinträchtigung der Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit, der Wahrnehmung und der Urteilskraft. Gleichzeitig wird die Risikobereitschaft deutlich erhöht. Bei jungen Menschen ist dieser Effekt noch stärker ausgeprägt als bei Erwachsenen.

Doch warum ist dies so? Wer glaubt, dass die Entwicklung unseres Gehirns in der Kindheit abgeschlossen ist, der irrt gewaltig. Während das sogenannte limbische System, welches für die Verarbeitung von Emotionen verantwortlich ist (z.B. „belohnender“ Effekt von Alkohol), schon im Jugendalter schon voll entwickelt ist, weist der Gegenpol im Gehirn, der präfrontale Cortex, in diesem Alter noch deutliche Entwicklungsrückstände auf. Im präfrontalem Cortex regiert die Vernunft, die den triebgesteuerten Impuls aus der Tiefe des Gehirns in seine Schranken weist. Die Folge: Die Konsequenzen des eigenen Tuns werden nur unzureichend abgewogen. Für den kurzfristigen Spaß werden die Risiken einfach ausgeblendet. Dies erleben wir auf Mallorca jedes Jahr: wir kennen die Berichte über die oft tödlich endenden Balkonstürze in der deutschen und englischen Partyhochburg.

Rauschtrinken ist pures Gift für das Gehirn und kann die Entwicklung der grauen Zellen in der Hirnrinde nachhaltig beeinträchtigen. Jugendliche können Alkohol zwar meist besser vertragen, bezahlen dafür aber mit einer gebremsten Gehirnentwicklung. Anders als früher angenommen, setzt sich die Gehirnentwicklung bis etwa zum Alter von etwa 25 Jahren fort. Ein wichtiger Prozess in der Entwicklung des Gehirns im Jugendalter ist die Bildung einer Isolierschicht (Myelin oder weiße Substanz) um die Nervenfaser der Gehirnzellen. Die so genannte Myelinscheide bildet eine Art Isolationsschicht (wie das Plastik um die Kupferleitungen in der Elektrik), die für eine störungsfreie Weiterleitung elektrischer Nervenimpulse sorgt. Ein US-amerikanisches Forscherteam konnte zeigen, dass sich schon bei 16- bis 19-jährigen Jugendlichen Veränderungen der weißen Substanz durch Rauschtrinken nachweisen lassen. Diese Veränderungen waren umso ausgeprägter, je häufiger sie bereits einen „Kater“ durch Alkohol hatten. In weiteren Studien wurde nachgewiesen, dass vor allem eine Region, die als Hippocampus bezeichnet wird, besonders betroffen ist. Der Hippocampus trägt entscheidend dazu bei, dass Informationen vom Kurzzeit- in das Langzeitgedächtnis übergehen: Damit wir uns neu Erlerntes auch wirklich merken. Ist die Funktion des Hippocampus beeinträchtigt, kommt es zu Gedächtnisproblemen. Eben Gelerntes ist schon bald wieder vergessen. Klar ausgedrückt: Jugendliche erleiden eine erhebliche Beeinträchtigung in der Entwicklung ihrer Intelligenz, und das ist unwiderruflich!

Es sind mitunter mehrere Jahre der Abstinenz nötig, um wieder ein halbwegs normales Leistungsniveau zu erreichen. Doch Studien zeigen auch auf: Wer sich schon als Jugendlicher daran gewöhnt, sich aus Spaß zu betrinken, wird auch später mit höherer Wahrscheinlichkeit ein Alkoholproblem entwickeln. Ein normales Leistungsniveau wird aber nie mehr erreicht werden, wenn zusätzlich zum Alkohol auch Cannabis oder andere Drogen konsumiert werden. So blöd es klingen mag: Das „vergisst“ einem das Gehirn nie!

Doch selbst wenn wir erst im Erwachsenenalter anfangen regelmäßig Alkohol zu konsumieren, sind teils gravierende Folgeschäden nicht auszublenden. Da der Alkohol durch das Blut über den ganzen Körper verteilt wird, kommt es bei regelmäßig erhöhtem Konsum in praktisch allen Geweben zu Zellschädigungen. Ich möchte die Leberzirrhose, gravierende Schädigungen des Herzmuskels, Potenzstörungen beim Mann etc. nicht unerwähnt lassen.

Durch ein Fortschreiten der Nervenschädigung fangen die Hände an zu zittern, es kommt zu Kribbeln der Finger und der Zehen, Taubheitsgefühle und schwere Einschränkung der Koordinationsfähigkeit. Diese Symptome verstärken häufige Stimmungsschwankungen, Angstzustände und Depressionen des Alkoholkonsumenten.
Was aber aus meiner Sicht teils weitaus gravierender ist, sind die sozialen Folgen eines chronischen Alkoholkonsums. Die Persönlichkeit verändert sich, oft kommt es zu einem aggressiven Verhalten, zu Streitereien, Gewalt, Depression und Nervosität. Der Alkoholkranke entfremdet sich immer mehr von seiner Familie und Freunden, verliert seine Arbeit und bringt die Familie in eine soziale Notlage. Er zieht sich zurück, weil er den Abbau erkennt und ertrinkt seinen Kummer mit noch mehr Alkohol, ein wahrer Teufelskreis schließt sich. Eine unglaubliche, teils über viele Jahre anhaltende Belastung für die Angehörigen und Ehepartner! Daran zerbrechen Ehen oder Beziehungen, und meist auch deren Kinder!

Dr. med. Luai Chadid
Internist & Kardiologe in der Clinica Picasso

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