Gefährliche Raupen

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Gefährliche Raupen

Von Februar bis Mai sind die Raupen der Prozessionsspinner auf Mallorca aktiv, die eine ganze Reihe von Gesundheitsgefährdungen auslösen können

Procesionarias heißen auf Spanisch die Raupen der Prozessionsspinner (große, graue Nachtfalter, umgangssprachlich oft als „Motten“ bezeichnet) Auf Mallorca kommen sie in Pinien und Kiefern vor, dort hängen im Frühjahr ihre Nester in Form von großen zuckerwatteartigen Kokons. Die haarigen, etwa 5 cm langen Schädlinge sind vorwiegend nachtaktiv, man sieht sie aber auch am Tag. Für die Nahrungssuche verlassen sie die Nester und bilden im „Gänsemarsch“ meterlange Kolonnen, daher ihr Name „Prozessionsraupen“. Man nimmt an, dass diese Art der Fortbewegung zu den Mimikry-Strategien („Verkleidung“ als wehrhaftes Tier) der Natur gehört: Die Kolonnen wirken wie Schlangen und halten dadurch Fressfeinde ab.

Warum sind die Raupen gefährlich?

Jede Prozessionsspinnerraupe hat neben langen Seidenhaaren auch rund 5000 winzige feine Brennhaare, die sich leicht lösen und bei Gefahr auch aktiv abgeschossen werden können. Sie setzten sich mit Widerhaken in Haut und Schleimhaut fest und haften auch an Kleidung und Schuhen. Diese Raupenhaare stellen eine akute gesundheitliche Gefährdung dar, weil ihre Nesseln bei der geringsten Berührung einen Cocktail aus Nesselgiften freisetzen, primär Thaumetopoein, ein toxisches Eiweiß, das allergische und entzündliche Reaktionen bei Menschen und Tieren auslöst. Prinzipiell ist es ähnlich wie die Reaktion auf eine Brennnessel. Auch hier handelt es sich um eine Schadwirkung durch Nesselhaare. Allerdings ist das Nesselgift der Prozessionsspinnerraupen weitaus potenter und die Körperreaktion viel nachhaltiger.

Welche Symptome treten auf?

Zunächst treten – oft erst Stunden nach dem Kontakt mit den Raupenhaaren – lokale Hautreaktionen auf: Brennen, Juckreiz, Rötungen, Quaddeln, Bläschen oder Knötchen (Raupendermatitis). Besonders betroffen sind dünne Hautpartien im Gesicht, am Hals und an der Innenseite der Ellenbogen. Je nach Dosis und individueller Immundisposition können die Beschwerden auch systemisch werden, das heißt der Gesamtorganismus ist betroffen (Nesselsucht).

Kommen die schwebenden Nesselhärchen, z. B. durch Einatmen, mit den Schleimhäuten (Bindehaut, Mundschleimhaut, Atemwege) in Kontakt, gibt es dort ebenfalls heftige allergische und entzündliche Reaktionen.
 Die Augen jucken, brennen, sind entzündet oder dick geschwollen. In den Atemwegen kann es zu Entzündungen kommen, die schmerzhaften Husten, Bronchitis und Asthma auslösen können.
 Begleitend treten öfter Allgemeinsymptome wie Schwindel, Fieber, Müdigkeit auf. Vereinzelt sind auch schwere allergische Reaktionen bis hin zum anaphylaktischen Schock beobachtet worden, der zum lebensbedrohlichen Kreislaufversagen führen kann.

Was tun nach Raupen-Kontakt?

Erste Selbsthilfe: sofort duschen und Haare waschen, beim Abtrocknen nur tupfen und nicht reiben, um nicht weitere eventuell noch verbliebene Nesselhaare zu zerbrechen. Kontaminierte Kleidung keinesfalls wieder anziehen, sondern luftdicht und separat lagern und möglichst bald in der Waschmaschine waschen. Betroffene Hautpartien können mit Antihistamin-Gel aus der Apotheke behandelt werden. Bei stärkerem Juckreiz oder auffälligeren Hautsymptomen einen Dermatologen aufsuchen, der, falls nötig, andere Fachärzte (z. B. Augenärzte) hinzuziehen wird. Bei heftigen allergischen Schockreaktionen ist natürlich sofort der Notarzt rufen!

Bei den meisten Patienten genügt eine Behandlung mit externen kortisonhaltigen Salben, Cremes oder Augentropfen sowie Tabletten, die gegen die Allergie wirken (Antihistaminika). Bei Einschränkungen der Atmung (Asthma) können spezielle, die Bronchien erweiternden Medikamente und Kortikoide durch Inhalation angewandt werden. Personen mit einem überempfindlichen Bronchialsystem sind besonders gefährdet. Die Einnahme von Kortikosteroiden („Kortison“) ist nur bei sehr schweren Verlaufsformen erforderlich.

Was kann man vorbeugen?

Finger weg und Abstand halten – also das Kontaktrisiko minimieren. Weder die Raupen noch die Gespinste berühren. Bei Wanderungen wie bei Gartenarbeiten möglichst hochgeschlossenen Kleidung mit langärmeligen Hemden und Hosen tragen. Menschen mit Allergie-Problemen und Asthma sollten Pinien/Kiefern in der akuten Zeit möglichst ganz meiden. Nester nie selbst entfernen, sondern die Bekämpfung Fachleuten überlassen. Tückisch: Die Raupenhaare sind lange haltbar und ihr Gift bleibt lange aktiv, die Härchen sind somit nicht nur im Frühling eine Gefahr. Insbesondere alte Gespinste, ob am Baum haftend oder am Boden liegend, bilden eine anhaltende Gefahrenquelle. Bei Symptomen also auch zu anderen Jahreszeiten zum Arzt!

Noch ein Tipp für Haustier-Besitzer: sofort zum Tierarzt, wenn Hund oder Katze mit Raupen in Kontakt gekommen sein könnten und auffällige Symptome zeigen. Die Tiere können ihre Zunge verlieren oder auch erblinden.

Dr. Joachim von Rohr ist Dermatologe, Phlebologe und Allergologe in der Clínica Picasso in Palma.

Tel.: 971-22 06 66. www. clinica-picasso.eu

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