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Das komplexe Spiel der Sexualhormone

Hohe Testosteronwerte bei der Frau – ist das normal?

Es geht um Sexualität und es geht um Hormone. Die Versuchung ist nicht gering, solche Begriffe in bestimmte Schubladen zu stecken und zu meinen, man hätte es auch schon verstanden. Dabei sind die Wirkungsweise und das Zusammenwirken von Hormonen und gerade auch Sexualhormonen von Männern und Frauen äußerst kompliziert. Und es wird nicht weniger kompliziert, wenn wir hier die Thematik „halbieren“ und uns auf die Frau konzentrieren.

Ohne Sexualhormone gäbe es keine Geschlechtsentwicklung, keinen Sex, weniger Freude und Gefühle im Leben. Unter anderem. Denn es gäbe auch keine Kinder, die Fortpflanzung würde nicht mehr funktionieren. Männer und Frauen haben übrigens das gleiche Repertoire an Geschlechtshormonen zur Verfügung, nur in ganz unterschiedlichen Mengen. Und ihre Körper sprechen unterschiedlich auf dasselbe Hormon an.

Das bedeutet zum Beispiel auch, dass Frauen ebenfalls männliche Hormone bilden, wenn auch weniger als Männer. Wichtigste Orte dafür sind die Eierstöcke (Testosteron) und die Nebennierenrinde, daneben auch Haut und Fettgewebe. Testosteron ist unter anderem beim Mann verantwortlich für die Ausprägung des typisch männlichen Erscheinungsbildes, bei beiden Geschlechtern für den Aufbau von Muskeln und den Abbau von Fett.

Erhöhte männliche Hormone (Androgene) bei Frauen verursachen Akne, verstärken die Behaarung im Gesicht, am Bauch und an den Beinen oder führen zu Haarausfall bis hin zu Geheimratsecken auch bei Frauen. Besteht eine erhöhte Empfindlichkeit dieser Körperbereiche auf männliche Hormone, so kann das sogar bei normalen Hormonspiegeln auftreten.

Eine Überproduktion männlicher Hormone kann auch zu verlängerten Menstruationszyklen oder zu ausbleibendem oder nur seltenem Eisprung führen. Das ist bei Kinderwunsch naturgemäß ein Problem, führt aber auch zu Verunsicherung, wenn man gar nicht schwanger werden will und die Periode einfach nicht kommt.

Hier kann die Ursache ein sogenanntes polyzystisches Ovarsyndrom (PCOS) sein. Das Phänomen PCOS ist sehr komplex und viele Frauen, die darunter leiden, verstehen oft gar nicht, selbst wenn sie ausgiebig gegooglet haben, was genau bei ihnen los ist. Auch viele Ärzte tun sich nicht leicht mit verständlichen Erklärungen. Das liegt zum einen daran, dass man über die eigentlichen Ursachen noch nicht viel weiß. Wahrscheinlich gibt es sogar mehrere Faktoren, die zu einem PCOS führen können. Wenn von diesen drei Kriterien zwei vorhanden sind, nimmt man ein PCOS an:

– verlängerte Menstruationszyklen mit ausbleibendem oder seltenem Eisprung,

– erhöhte Androgene und/ oder das Vorliegen typischer Symptome männlicher Hormonwirkung an Haut und Haaren, wie oben beschrieben,

– vergrößerte Eierstöcke mit vielen kleinen Zysten am Rand und dichtem Bindegewebe im Innern der Eierstöcke, feststellbar im gynäkologischen Ultraschall.

Häufig haben Frauen mit PCOS zusätzlich Übergewicht, Störungen im Fett- und Zuckerstoffwechsel und hohen Blutdruck. Diese Kombination von Symptomen wird unter dem Begriff des sogenannten metabolischen Syndroms zusammengefasst und geht mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen einher. Tritt eine Schwangerschaft ein, was aus den genannten Gründen oft schwierig genug ist, erhöht sich auch das Risiko für Schwangerschaftsdiabetes, Frühgeburten, Schwangerschaftsvergiftung und Fehlgeburten.

Überwiegend ist Testosteron an ein Transportprotein im Blut, das sexualhormonbindende Globulin (SHBG), gebunden. Biologisch wirksam sind aber nur 2%, nämlich das nicht gebundene, also freie Testosteron. Daraus ergibt sich, dass eine Änderung der Menge an SHBG die wirksame Menge des freien wirksamen Testosterons und damit auch die Wirkungen im Körper enorm beeinflussen kann.

Höhere Östrogenspiegel lassen den SHBG-Spiegel im Blut ansteigen und damit freies Testosteron absinken, weshalb sich z. B. bei Pilleneinnahme oder während einer Schwangerschaft Haut und Haare in der Regel bessern. Auch Lebererkrankungen und Medikamente erhöhen das SHBG, was bei Männern durch Senkung des wirksamen Testosterons negativen Einfluss auf die Sexualität haben kann.
Dagegen senken Übergewicht und Diabetes mellitus das SHBG. Die höhere Menge an freiem Testosteron prägt dann männliche Eigenschaften und Nebenwirkungen stärker aus.

Da die männlichen Hormone im Laufe eines Zyklus und des Tages stark schwanken, ist eine Blutabnahme zur Bestimmung männlicher Hormone am Anfang des Menstruations-Zyklus und Morgens sinnvoll.
Bei der Behandlung des PCOS der Frau ist der Einsatz einer antiandrogenen Pille das Mittel der ersten Wahl. Der darin enthaltene Gelbkörperhormonabkömmling senkt die wirksame Menge von Androgenen im Blut. Haut und Haare bessern sich, die kleinen Zysten an den Eierstöcken bilden sich zurück und die Voraussetzung für den Eintritt einer Schwangerschaft sofort nach Absetzen der Pille wird verbessert.

Eine sorgfältige Diagnostik ist der Schlüssel für eine möglichst optimale Therapie. Und manchmal hilft auch schon alleine die Normalisierung des Körpergewichts mit Umstellung der Ernährung und Sport – selbstverständlich ohne Anabolika, denn die können androgene Nebenwirkungen haben.

Dr. Renate Wiesner-Bornstein ist Frauenärztin an der Clinica Picasso 57 in Palma, Tel.: 971 -22 06 66 und 630 720 878, www.clinica-picasso.eu

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