NUR WER NICHT DRÜCKT – DRÜCKT SICH

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NUR WER NICHT DRÜCKT – DRÜCKT SICH

Als ich vom Fall eines herzkranken zwölfjährigen Jungens hörte, der auf dem Fußballplatz seiner Schule zusammengebrochen war und von einem 16-jahrigen Mädchen erfolgreich wiederbelebt wurde, mußte ich zwangsläufig an meine früheren Erfahrungen als Notarzt denken. Immer wieder wurde ich damals unter dem Stichwort „bewußtlose Person“ zu Notfällen gefahren, in denen leblose Personen oft inmitten einer stehenden Menschenmenge lagen, ohne dass irgend jemand erste Hilfsmaßnahmen ergriffen hatte. Bestenfalls wurde noch eine stabile Seitenlage hergestellt, was immerhin in vielen Fällen schon hilfreich war.

Was dann anschließend passiert ist meist ein Algorhythmus nach Schema F: Reagiert der Patient auf Ansprache oder auf Schmerzreize? Hat er einen fühlbaren Puls? Atmet er ausreichend? Wenn alle 3 Fragen mit nein beantwortet werden, muß man unverzüglich mit den Notfallmassnahmen beginnen: Patienten auf den Rücken legen, Kopf überstrecken und Unterkiefer nach vorne ziehen um die Atemwege frei zu machen. Atmet der Leblose dann immer noch nicht und wird eine Pulslosigkeit durch Tasten der Halsschlagader bestätigt, muß die Reanimation (Wiederbelebung) eingeleitet werden. Das wesentliche Merkmal einer guten Reanimation ist die möglichst durchgehende, hochqualitative Herzdruckmassage. Alle weiteren Maßnahmen haben sich dieser unterzuordnen. Die geforderte Intensität der Herzdruckmassagen hat in den letzten Jahren stetig zugenommen. Seit 2010 wird eine Drucktiefe von 5–6 cm auf das untere Drittel des Brustbeines und eine Frequenz von 100–120/min empfohlen. Auf vollständige Entlastung nach der Kompression ist zu achten, und vor allem weitermachen, auch wenn die Rippen hierbei brechen. Wenn möglich, sollte man sich alle 2 Minuten abwechseln, da hier rasch eine Erschöpfung eintritt und damit die Drucktiefen und die Druckfrequenz abnehmen.

Nur wer sich in der Lage fühlt, auch eine Beatmung durchzuführen sollte nach 30 Herdruckmassagen den Kopf zur oben beschriebenen Atemkontrolle überstrecken und eine Mund zu Mund oder Mund zu Nase-Beatmung mit 2 Atemzügen ausführen. Wenn der Helfer aus Ekel oder hygienischen Gründen dies nicht machen möchte, sollte die Herzdruckmassage ununterbrochen durchführt werden, bis der Notarzt eintrifft.

Obgleich das Notarztsystem hier in Spanien recht gut ausgebaut ist, kommt es durch die häufig ländlichen Wohngegenenden zu erheblichen Verzögerungen. Wurden bis zum Eintreffen des Rettungsteams keine Notfallmassnahmen ergriffen, ist es für die meisten Patienten zu spät, da es schon nach wenigen Minuten eines Kreislaufstillstandes zu irreparablen Schädigungen des Gehirns kommen kann.

Prof. Böttinger, ein Experte aus Köln, ist der Meinung, dass mit einer entsprechenden Aufklärung und Schulung der Bevölkerung allen in Deutschland 5000 bis 10.000 mehr Menschen mit Herz-Kreislauf-Stillstand gerettet werden könnten als heute und veröffentlichte kürzlich seine „10 Thesen für 10.000 Leben“. Diese Initiative ist sehr breit aufgestellt und richtet sich an Laien wie Profis aber auch an politische Entscheider.

Mitgewirkt haben hier unter anderem der Deutsche Rat für Wiederbelebung und das Deutsche Reanimationsregister. Aus dem Deutschen Reanimationsregister wissen wir, dass 60 bis 70 Prozent der Fälle mit Kreislaufstillstand in Anwesenheit von Zeugen stattfinden! Die anwesenden Personen könnten und müssten also mit Wiederbelebungsmaßnahmen beginnen.

„Ich persönlich glaube fest, dass wir die Zahl der Menschen, die jährlich in Deutschland erfolgreich wiederbelebt werden, verdreifachen könnten. Denn genau das haben uns die Dänen vorgemacht, und zwar mit einem vor Jahren eingeführten verpflichtenden Reanimationstraining in Schulen und weiteren Maßnahmen“, so der Experte Prof Böttinger. Bestätigt wird dies in einer Publikation aus dem Jahr 2013, aus der klar hervor geht, dass wenn in skandinavischen Ländern jemand einen Herz-Kreislauf-Stillstand erleidet, 60 bis 70 Prozent der Zeugen mit Wiederbelebungsmaßnahmen anfangen, in Deutschland und auch in Spanien sind es weniger als 20 Prozent.

Zwei der oben erwähnten zehn Thesen lauten: „Jeder kann ein Leben retten“ und „Wiederbelebung ist kinderleicht“. Deswegen sei man dafür, zwei Unterrichtsstunden pro Schuljahr Wiederbelebung bei Kindern ab zwölf Jahren zu trainieren unter dem Motto „Leben retten ist cool“. Prof Böttiger aus Köln und Mitarbeiter wollen, dass die Laienreanimation verinnerlicht und positiv besetzt werde. „Wer das bereits als Kind lernt, für den wird das richtige Handeln im Falle eines Herz-Kreislauf-Zustands lebenslang eine Selbstverständlichkeit sein.“

Nach Meinung der Experten sei hierfür sei kein mehrstündiger Kurz erforderlich. Es gehe um das praktische Trainieren weniger Handgriffe und Maßnahmen. Das könnte man in einer halben bis Dreiviertelstunde realisieren und in Jahresabständen wiederholen. Doch für die Integration in den Unterricht bräuchte es einen Beschluss der Politik. Nach dem Schneeballprinzip lernen das zunächst die Lehrer, und diese geben das Wissen an ihre Schüler weiter.

L. Chadid

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